|
|
 |

 |

Informationen zur politischen Bildung (Heft 163)
 |
 |
 |
 |
 |
Bürger - Staat - Heer |

 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
Einleitung
1793
Allgemeine Wehrpflicht in Frankreich
1813
Gründung der preußischen Landwehr
1862
Zurückdrängung der Landwehr zugunsten der aktiven Truppen
1895
Dreyfus-Prozess in Frankreich (Dreyfus 1906 rehabilitiert)
1913
Zabern-Affäre
Söldnerheere
Seit den Zeiten des ausgebildeten Absolutismus gehörte die Armee zu den zuverlässigsten Stützen des monarchischen Staates. Sie bestand in der Regel aus Berufssoldaten (Söldnern), die nach Bedarf durch die Zwangsrekrutierung von Landeskindern verstärkt wurden. Die Disziplin, für das Funktionieren der Kriegsoperationen in geschlossenen Verbänden unerlässlich, wurde durch Drill und drakonische Strafen gesichert. Die Ausbildung der Soldaten hatte den unbedingten Gehorsam gegenüber den Vorgesetztem zum Ziel, die Selbstständigkeit des einzelnen hatte in diesem System keinen Platz. Die Persönlichkeitsrechte des Soldaten gingen über die pünktliche Soldzahlung und die angemessene Verpflegung kaum hinaus. Die Offiziersstellen waren in der Hauptsache dem Adel vorbehalten, der sich streng von den "Gemeinen" getrennt hielt.
Französische Revolutionsheere
Die Französische Revolution leitete auch im Militär- und Kriegswesen die große Wandlung ein. Sie schuf die Nationalgarde, eine Bürgerwehr, zu der zunächst nur wohlhabende Bürger Zugang hatten und die zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung bestimmt war. Die Volksbewaffnung war eine Lieblingsidee des bürgerlichen Liberalismus (später auch des Sozialismus), der nicht nur die Ausgaben für stehende Heere ablehnte, sondern in ihnen auch die Zwangsinstrumente der monarchischen Despotie verabscheute. Als das Berufsheer des französischen Königs 1792 im Kampf gegen die eindringenden verbündeten Österreicher und Preußen versagte, retteten Freiwilligenverbände trotz schlechter Bewaffnung und unzureichender Ausbildung die Lage. Patriotismus und der Ehrgeiz, aufgrund von Tapferkeit und Tüchtigkeit in der militärischen Rangleiter emporzusteigen, waren auf die Dauer militärisch wirkungsvoller als die Berufsroutine der Söldnerheere.
Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1793 ließ Massenheere von bis dahin nicht erlebter Größe entstehen, die eine folgendreiche Änderung der Strategie erlaubten. Die jungen Generäle, an der Spitze Napoleon Bonaparte, suchten im massierten Menschen- und Materialeinsatz (der durch die staatliche Lenkung auch der Rüstungsproduktion seit 1793 möglich wurde) die schnelle Entscheidung auf dem Schlachtfeld. Sie ersetzten die Ermattungsstrategie der absolutistischen Zeit durch die neue Vernichtungsstrategie. Die Söldnerheere operierten in geschlossenen Formationen. Anders waren die oft zum Dienst gepressten Söldner auf dem Schlachtfeld nicht zu verwenden - sie wären sonst fortgelaufen. Ihnen wurden nun Einzelkämpfer und kleine, selbstständige Kampfverbände entgegengestellt, die sich augenblicklich auf die ständig wechselnden Kampfsituationen einzustellen vermochten.
Die preußische Armee
Die glänzenden französischen Waffenerfolge sprachen für sich. Sie regten die preußischen Reformer (Scharnhorst, Gneisenau, Boyen) zur Nachahmung an. Die entehrenden Strafen im preußischen Heer wurden abgeschafft, die Beförderung zum Offizier stand fortan jedem offen, der sich im Frieden durch Wissen, im Krieg durch Tapferkeit hervortat. Neben das aktive Heer trat die Landwehr; die aus den älteren gedienten Jahrgängen gebildet wurde und das Recht hatte, ihre Offiziere dem König vorzuschlagen. Nach den Vorstellungen Boyens sollte sie eine Brücken zwischen dem militärischen und dem bürgerlich-zivilen Bereich darstellen und mit dem Gedanken der Volksbewaffnung die Erfahrung vermitteln, dass auch der einfachste Landwehrmann dem Staate nützlich sei und dafür staatsbürgerliche Anerkennung beanspruchen dürfe.
Solche idealistisch-volkserzieherischen Ideen verblassten nach den Befreiungskriegen. Die Landwehr behauptete nicht den Rang, der ihr zugedacht war, da ihr militärischer Wert begrenzt war und sie vom aktiven Offizierskorps verachtet wurde. Das Adelsmonopol für den Offiziersberuf wurde zwar nicht wieder eingeführt, aber die Bevorzugung von Adels- gegenüber Bürgersöhnen war offenkundig. Das Heer erwies sich wie eh und je als ein Hort feudalaristokratischer, monarchischer Gesinnung. In der Revolution von 1848 war die preußische Armee stets ein gefügiges Instrument in der Hand des Königs. Nach der Oktroyierung der Verfassung wurde sie auf die Person des Monarchen und nicht etwa auf den preußischen Staat vereidigt. Die umstrittene Heeresreform von 1862 trieb mit der weiteren Zurückdrängung der Landwehr den Prozess der "Entbürgerlichung" voran.
Das Militär im Deutschen Reich nach 1871
Die militärischen Erfolge der Reichsgründungszeit erhöhten das Ansehen des Militärs mehr denn je. Nicht "gedient" zu haben, wurde zu einem nicht wieder gut zu machenden Makel im Leben eines Mannes, das Reserveoffizierspatent die Voraussetzung einer erfolgreichen beruflichen und gesellschaftlichen Karriere. Uniformen beherrschten den Alltag und noch mehr den Festtag.
Der Kaiser baute seine Kommandogewalt planmäßig aus. Er verhinderte die Einrichtung eines Reichskriegsministeriums, um Herr und Flotte der lästigen Kontrolle des Reichstags so weit wie möglich zu entziehen. 1883 erhielten der Chef des sog. Militärkabinetts (das für Personalfragen zuständig war) und der Generalstabschef die Immediatstellung am kaiserlichen Hof, d. h. das Recht, mit dem Kaiser unmittelbar ohne Hinzuziehung anderer militärischer oder staatlicher Instanzen zu verkehren; damit war der Regierung einschließlich des Reichskanzlers die Möglichkeit entzogen, sich kraft ihres Amtes in die militärischen Entscheidungsprozesse einzuschalten. Diese Doppelgleisigkeit von militärischer und politischer Führung war Ausdruck jenes spezifisch preußisch-deutschen Militarismus, der es nicht duldete, dass die militärischen Bedürfnisse und Interessen der politischen Räson untergeordnet wurden.
Daraus entwickelte sich eine verhängnisvolle Selbstherrlichkeit des militärischen Denkens und Planens, deren folgenreichstes Ergebnis der sog. Schlieffenplan wurde. Dieses um die Jahrhundertwende entwickelte strategische Konzept ging von der Unvermeidbarkeit eines Zweit-Fronten-Krieges gegen Frankreich und Russland aus. Es bezweckte eine schnelle militärische Niederwerfung Frankreichs, die mit Hilfe eines Durchmarsches durch das neutrale Belgien und der damit möglich werdenden Umgehung der französischen Befestigungen an der Grenze zu Deutschland gelingen sollte. Da bei diesem Plan alles auf die Schnelligkeit der militärischen Operationen ankam, musste eine frühzeitige Mobilisierung des deutschen Heeres ermöglicht werden. So stellte der deutsche Generalstab die politische Führung unter einen Handlungszwang, der ihren politischen Verhandlungsspielraum in unerträglicher Weise einengte. Der Schlieffenplan machte für den Fall einer ernsten politischen Krise den Krieg nahezu unvermeidlich.
Im Deutschen Kaiserreich galt das Heer als "Schule der Nation". Innenpolitisch spielte es eine führende Rolle im Kampf gegen oppositionelle Strömungen, etwa die Sozialdemokratie. Wenn auch direkte Truppeneinsätze gegen streikende Arbeiter mit wenigen Ausnahmen vermieden wurden, so taten sich Armee und Flotte in der Bespitzelung von Gegner der Monarchie, zum Beispiel sozialdemokratischer Funktionäre, und in der politischen Indoktrination hervor. Sozialistisches und anderes oppositionelles Schrifttum war in den Kasernen verboten; auch durften Soldaten zum Beispiel nicht in Lokalen verkehren, in denen SPD-Versammlungen stattfanden.
Militarismus
Militärischer Geist wurde auch über die Kasernenmauern hinaus gepflegt. Die zahlreichen Kriegervereine, die 1895 nicht weniger als 1,3 Millionen Mitglieder zählten und sich durch einen besonders forschen Patriotismus auszeichneten, erfreuten sich allerhöchster Förderung. Die Militärverwaltungen waren angewiesen, geeignete ehemalige Offiziere und Unteroffiziere für die Kriegervereins-Arbeit zu gewinnen und die Beziehungen zwischen den Veteranen und der aktiven Truppe nach Kräften zu pflegen.
Wie stark sich militärisches Denken verabsolutieren konnte, bewies nicht nur die viel belachte Episode des "Hauptmanns von Köpenick", der sich als entlassener Zuchthäusler allein durch die Wirkung seiner Offiziersuniform Zivilbehörden dienstbar machte, sondern mehr noch ein Vorgang in der elsässischen Gemeinde Zabern 1913: Hier hatte ein forscher Offizier, unter Missachtung aller Rechtsvorschriften, zur "Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung" eine Reihe von Bürgern verhaften lassen, die mit seinen Soldaten einen Streit gehabt hatten. Schlimmer als diese Entgleisung selbst war, dass Kaiser und Kanzler sich nicht von diesem Rechtsbruch distanzierten, sondern den Offizier öffentlich in Schutz nahmen und damit den Korpsgeist des Offiziersstandes der Wahrung des Rechtsstaates überordneten.
Der Dreyfus-Prozess
Wäre ein solcher Vorgang auch in den westlichen Verfassungsstaaten denkbar gewesen? Zum Testfall dafür wurde in Frankreich die Affäre Dreyfus während der 90er Jahre. Sie war nicht nur wegen des hier zutage tretenden bösartigen Antisemitismus im französischen Offizierskorps, sondern mehr noch wegen des Konfliktes zwischen militärischem Kastengeist und ziviler Staatsführung denkwürdig.
Aufgrund einer Intrige, die eindeutig antisemitische Motive hatte, wurde der jüdische Offizier im französischen Generalstab, Dreyfus, wegen angeblichen Hochverrates von einem Militärgericht zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Als ruchbar wurde, dass die Verurteilung allem Anschein nach zu Unrecht erfolgt war, hintertrieb der Generalstab die Wiederaufnahme des Verfahrens, um zu verhindern, dass das französische Offizierskorps ins Zwielicht geriet. Die vermeintliche kollektive Ehre des Offizierstandes stand ihm höher als die Wiedergutmachung des an einem einzelnen verübten Unrechts. Die erregte Öffentlichkeit setzte jedoch einen neuen Prozess durch, aber das Kriegsgericht verweigerte - aus ähnlichen Motiven wie der Generalstab - den fälligen Freispruch. Erst das Eingreifen des französischen Staatspräsidenten verhalf dem Recht zu Sieg.
Der Fall war lehrreich, weil er zeigte, dass auch das französische Offizierskorps im Banne eines Korpsgeistdenkens stand, das dem Rechts- und Verfassungsstaat nicht zuträglich war. Aber im Gegensatz zur Zabernaffäre endete der Dreyfus-Prozess mit der klaren Entscheidung der politischen Führung zugunsten des Rechtsstaates. |
 |
 |
|
 |
20. März 2010
 |
 |
 |
Informationen zur politischen Bildung |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Das 19. Jahrhundert 2
Im Blickpunkt dieser Ausgabe steht die wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Entwicklung, die durch die Industralisierung Europas im 19. Jahrhundert angestoßen wurde. |
 |
|
 |
 |
 |
|
 |
 |
|